Die AutomatisierungsWerkstatt

Der Weg eines KMU zu KI – eine einfache Roadmap

4 Min
Boris Loo
Nicht der kürzeste Weg, sondern ein gangbarer

Viele KMU stellen sich beim Thema KI dieselbe Frage: Wo fängt man an? Nicht im Sinne vonTechnologie, sondern ganz praktisch: Was ist ein sinnvoller erster Schritt, ohne sich zu übernehmen?

Die Unsicherheit ist nachvollziehbar. Denn vieles, was als „KI-Einführung“ beschrieben wird, wirkt groß, abstrakt und wenig alltagstauglich.

Diese Roadmap ist deshalb kein Zielbild. Sie beschreibt keinen Idealzustand, sondern einen Weg, der sich an realen Bedingungen orientiert.

 

Eine Grundannahme vorab

Der Einstieg inKI scheitert in KMU selten an fehlender Technik.
Er scheitert an drei Dingen:

―     zu großem Umfang

―     zu hoher Erwartung

―     zu wenig Zeit

Eine funktionierende Roadmap muss genau das berücksichtigen. Nicht alles gleichzeitig. Nicht perfekt, sondern Schritt für Schritt.

 

Stufe 1:Reibung sichtbar machen

Nicht technisch, sondern aufmerksam

Der erste Schritt hat nichts mit KI zu tun. Er beginnt mit einer einfachen Beobachtung:
Wo entsteht im Alltag regelmäßig Reibung?

Typische Hinweise:

―     Aufgaben, die ständig „dazwischenkommen“

―     Tätigkeiten, die niemand gern übernimmt

―     Arbeit, die immer wieder neu gemacht wird

―     Prozesse, die nur mit Erfahrung funktionieren

Wichtig ist dabei: Nicht alles bewerten. Nicht alles lösen wollen. Es geht zunächst nur darum, Muster zu erkennen. Diese Phase wird oft übersprungen – und genau deshalb verlaufen viele Initiativen im Leeren.

 

Stufe 2: Dierichtige Frage stellen

Nicht: Was kann KI?
Sondern: Muss das ein Mensch tun?

Sobald ein Engpass sichtbar wird, verändert sich die Perspektive. Die zentrale Frage lautet jetzt nicht mehr:
Welche Lösung gibt es dafür?

Sondern:
Ist diese Aufgabe wirklich auf menschliche Aufmerksamkeit angewiesen?

Geeignet für Automatisierung sind Tätigkeiten, die:

―     regelmäßig wiederkehren

―     klar strukturiert sind

―     nach festen Regeln ablaufen

―     wenig Kontext erfordern

Nicht geeignet sind Aufgaben, bei denen Urteil, Verantwortung oder Beziehung im Vordergrund stehen. Diese Abgrenzung ist entscheidend. Sie verhindert falsche Erwartungen –auf beiden Seiten.

 

Stufe 3: Klein anfangen – bewusst

Ein Problem, eine Lösung

Der häufigste Fehler in dieser Phase: Man möchte zu viel auf einmal lösen.

Eine funktionierende Roadmap setzt auf das Gegenteil.

Ein klar begrenzter Anwendungsfall.
Ein konkreter Engpass.
Ein überschaubarer Eingriff.

Zum Beispiel:

―     Ordnung im E-Mail-Eingang

―     Unterstützung bei der Nachbereitung von Meetings

―     Vorarbeit in der Dokumentenverarbeitung

Wichtig ist nicht, wie „intelligent“ die Lösung ist.
Sondern ob sie im Alltag tatsächlich genutzt wird.

 

Stufe 4:Wirkung vor Perfektion

Entlastung spüren, nicht optimieren

In vielen Unternehmen wird zu früh optimiert. Prompt-Feinschliff, Sonderfälle, Ausnahmen–
all das hat seinen Platz. Aber nicht am Anfang. In dieser Phase zählt nur eine Frage:
Wird jemand konkret entlastet?

Wenn die Antwort nein ist, liegt das Problem selten an der Technologie. Oft ist der Anwendungsfall zu groß, zu unklar oder zu weit vom Alltag entfernt. Eine einfache Automatisierung, die genutzt wird, ist wertvoller als eine perfekte, die ignoriert wird.

 

Stufe 5: Nutzung beobachten

Arbeit zeigt, was fehlt

Erst im echten Einsatz zeigt sich, was funktioniert.

Typische Beobachtungen:

―     Wo wird die Automatisierung umgangen?

―     Wo entstehen neue Rückfragen?

―     Was wird doch lieber manuell gemacht?

Diese Rückmeldungen sind kein Zeichen von Scheitern. Sie sind der eigentliche Lernprozess. KI lässt sich nicht am Reißbrett perfektionieren. Sie muss sich im Alltag bewähren.

 

Stufe 6: Iteration statt Ausbau

Verbessern, nicht erweitern

Nach den ersten Erfahrungen entsteht oft der Impuls, mehr zu wollen.

Mehr Prozesse.
Mehr Automatisierung.
Mehr Abdeckung.

Eine stabile Roadmap bremst hier bewusst. Statt neue Baustellen zu eröffnen, wird zunächst nachjustiert:

―     Regeln anpassen

―     Übergaben klarer machen

―     Ergebnisse verständlicher gestalten

Iteration bedeutet: Das Bestehende tragfähig machen, bevor Neues dazukommt.

 

Stufe 7: Einbindung statt Übergabe

KI wird Arbeitsmittel, kein Sonderthema

Langfristig funktioniert KI nur dann, wenn sie Teil der Arbeit wird. Nicht als System, über das gesprochen wird, sondern als Werkzeug, das selbstverständlich genutzt wird.

Dazu gehört:

―     Klarheit darüber, wofür KI genutzt wird – und wofür nicht

―     Transparenz über automatisierte Schritte

―     ein gemeinsames Verständnis im Team

Enablement heißt nicht, alle zu Experten zu machen. Sondern Sicherheit im Umgang zu schaffen.

 

Stufe 8: Verantwortung bewusst beim Menschen lassen

Eine Grenze, die nicht verhandelbar ist

Ein zentraler Punkt dieser Roadmap: Automatisierung verschiebt keine Verantwortung. KI kann vorbereiten, strukturieren, überwachen. Aber sie entscheidet nicht.

Diese Grenze klarzu ziehen, ist kein technisches Thema. Es ist eine Führungsaufgabe. Dort, wodiese Grenze unscharf wird, entsteht Misstrauen – und damit Ablehnung.

 

Warum diese Roadmap für KMU funktioniert

Sie verzichtet auf große Versprechen und auf den Anspruch, alles abzudecken.

Stattdessen respektiert sie:

―     begrenzte Zeit

―     operative Realität

―     gewachsene Strukturen

―     menschliche Aufmerksamkeit

Sie setzt nicht auf Tempo, sondern auf Tragfähigkeit. Nicht jede Stufe muss vollständigdurchlaufen werden. Nicht jedes Unternehmen erreicht denselben Punkt.

Das ist kein Mangel. Das ist Realität.

 

Was diese Roadmap bewusst nicht ist

Sie ist:

―     kein Transformationsprogramm

―     keine Technologie-Strategie

―     kein Reifegradmodell

Und sie ist auch keine Garantie für Erfolg. Sie ist ein Orientierungsrahmen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

 

Der Weg eines KMU zu KI ist kein Sprint, aber er muss auch kein Marathon sein. Oft reicht ein erster, sinnvoller Schritt, um Arbeit ein Stück leichter zu machen.

Vielleicht ist das die eigentliche Roadmap: Nicht fragen, wie weit man kommen will.
Sondern, wo man heute sinnvoll entlasten kann.

Alles Weitere ergibt sich unterwegs.